Referat der Zentralen Leitung der Jugendfront im Rahmen der Kampagne „Nein zum Krieg!“ im Herbst 2025.
Einleitung
Lenin schrieb „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus” 1916 in Zürich. Das Grundlagenwerk der marxistisch-leninistischen Imperialismustheorie ist somit über hundert Jahre alt. Warum beschäftigen wir uns zum Anlass des Weltfriedenstags dann trotzdem noch damit und warum nutzen wir diese Imperialismustheorie heute noch als Grundlage für unsere Analyse des Weltsystems? Diese Frage soll vorerst hintenangestellt werden und durch die vorliegenden Beiträge selbst beantwortet werden. Denn in den Beiträgen wird ersichtlich, dass Lenins Imperialismustheorie nach wie vor zutrifft und richtige Erklärungen liefert. Dabei soll die Auseinandersetzung mit Lenins theoretischer Arbeit kein einfaches Wiederkäuen sein, sondern wird sich in der Beweisführung auf aktuelle Entwicklungen beziehen.
Das ist mit ein Grund, warum die Beiträge sich zwar immer wieder auf Lenins Schrift beziehen, diese aber nicht allumfassend darstellen. Aber warum beschäftigt sich der erste der hier vorliegenden Beiträge mit der Beschaffenheit des kapitalistischen Systems an sich, und nicht konkret mit den etwa in der Ukraine oder im Jemen tobenden Kriegen? Dazu soll gleich Genosse Lenin selbst zu Wort kommen. Im Vorwort der französischen und deutschen Ausgabe von „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus” schreibt er:
„[D]er Beweis für den wahren sozialen oder, richtiger gesagt, den wahren Klassencharakter eines Krieges ist selbstverständlich nicht in der diplomatischen Geschichte des Krieges zu suchen, sondern in der Analyse der objektiven Lage der herrschenden Klassen in allen kriegsführenden Staaten. Um diese objektive Lage darstellen zu können darf man nicht Beispiele und einzelne Daten herausgreifen(…), sondern man muß unbedingt die Gesamtheit der Daten über die Grundlagen des Wirtschaftslebens aller kriegsführenden Mächte und der ganzen Welt nehmen.”[1]
Als Marxisten-Leninisten ist es für uns also von zentraler Bedeutung für die Betrachtung und Einordnung von Kriegen immer die materiellen Bedingungen, die Klassenwidersprüche und die Interessen des Kapitals der Analyse zu Grunde zu legen. Dafür braucht es ein möglichst umfassendes Verständnis der aktuellen Entwicklungsstufe des Kapitalismus, die auch als Imperialismus bezeichnet wird. Somit interessieren wir uns besonders für die fünf Merkmale, anhand derer Lenin den Imperialismus charakterisiert. Erstens.
Die Konzentration der Produktion und Monopolbildung
Ein grundlegender Charakterzug des kapitalistischen Systems ist extremes Wachstum der Industrie, das zu einer starken Konzentration der Produktion führt. Betriebszählungen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland lassen erkennen, wie dieser Prozess begann: Von 1882 bis 1907 stieg der Anteil beschäftigten Arbeiter in Betrieben, die mehr als 50 Arbeiter beschäftigten, von 22 auf 37 Prozent.[2] Die Produktionsmittel und somit auch die Produktion konzentrierten sich sogar noch stärker. Nur weniger als 1 Prozent der deutschen Betriebe waren solch großen Betriebe und auf sie entfielen über 75 Prozent der Dampfmaschinen und des elektrischen Energieverbrauchs.
Die Konzentration der ArbeiterInnen auf Großbetriebe ist ein laufender Prozess, den wir bis heute beobachten können. 1902 waren in Österreich knapp 30 Prozent der ArbeiterInnen in Betrieben beschäftigt, die zwischen 50 und 299 ArbeiterInnen beschäftigten. Nur etwa 14 Prozent der ArbeiterInnen hingegen waren in Betrieben mit über 300 beschäftigten Personen tätig.[3] 2021 waren es 17 Prozent der ArbeiterInnen, die in mittelgroßen Betrieben arbeiteten (zwischen 50 und 249 Beschäftigten) und bereits 38 Prozent der ArbeiterInnen in Großbetrieben (250 oder mehr Beschäftigte).[4] 2024 waren es 23 Prozent der ArbeiterInnen in mittelgroßen und 41 Prozent in Großbetrieben.[5]
Wir können also aus den letzten beiden Datensätzen erkennen, dass die Konzentration der Produktion nach wie vor stetig zunimmt. Die Tendenz der kapitalistischen Entwicklung führt von sich aus zur Herausbildung von Monopolen. Eine Handvoll Großbetriebe kann sich leicht untereinander absprechen und ihre gesteigerte Produktivität führt obendrein wie von selbst dazu, dass die Konkurrenz in Form von KMUs – also kleineren und mittleren Unternehmen – aus dem Markt gedrängt wird, bzw. Möglichkeiten eröffnet werden, diese zu übernehmen.
Bevor wir aber weiter auf die Monopolisierung eingehen, sollen noch zwei Dinge klargestellt werden. Erstens treten Großbetriebe in den verschiedenen Wirtschaftsbranchen nicht im selben Ausmaß auf. In Österreich gab es 2024 in der Industrie 439 Großbetriebe, was 11 Prozent der Betriebe in dem Sektor ausmacht. Sie beschäftigten ganze 75 Prozent der Arbeiterinnen und Arbeiter der Industrie. Verglichen dazu gab es im Handwerk nur 300 Großbetriebe, die 0,1 Prozent der Betriebe des Sektors ausmachten und dabei 26 Prozent der Arbeitenden beschäftigten.[6]
Lenin schrieb dazu – sich auf eine amerikanische Statistik beziehend – es gäbe auch Industriezweige ohne Großbetriebe. Dies ist heute zwar nicht mehr der Fall, aber wir können nach wie vor eine ungleichmäßige Verteilung erkennen. Gründe für diese unterschiedliche Konzentration können etwa in einer hohen Bedeutung der KMUs (beispielsweise im Handwerk) gefunden werden, oder in einer sehr weit fortgeschrittene Monopolisierung der Branche (beispielsweise ist der Tabak-Großhandel in Österreich auf nur 3 Firmen aufgeteilt).
Zweitens können wir als eines der wichtigsten Merkmale des Kapitalismus im Endstadium die Entstehung sogenannter “Kombinationen” erkennen. Damit ist nichts weiter gemeint als die Herausbildung branchenübergreifender Betriebe. Hierbei unterscheiden wir zwischen 3 Formen:
- Mischbetriebe (Konglomerate) sind in mehreren unabhängigen Branchen tätig. So ist etwas Samsung als Elektronikproduzent bekannt, mittlerweile aber auch in der Maschinenbau- und Schwerindustrie sowie im Finanz- und im Dienstleistungssektor tätig.
- Horizontale Konzerne sind in derselben Branche und Produktionsstufe tätig. Die Volkswagen Gruppe führt beispielsweise mittlerweile unter anderem Audi, Skoda und Porsche.
- Vertikale Konzerne sind innerhalb einer Branche auf verschiedenen Produktionsebenen tätig, so können sie sich etwa selbst als Zulieferer dienen Auch hierfür soll die VW-Gruppe als Beispiel dienen, denn das führt direkt zum nächsten Punkt.
Diese Kombinationsformen treten nicht einzeln auf. Moderne Großbetriebe sind vielmehr ein Wirrwarr aus vertikaler und horizontaler Form, die oftmals auch über mehrere Branchen gestreckt sind. Diese Betriebsform liefert eine Vielzahl an Vorteilen. Diese wären unter anderem das Ausgleichen von Konjunkturunterschieden in unterschiedlichen Branchen, die Ausschaltung des Zwischenhandels, das Erlangen von Extraprofiten durch technischen Fortschritt und die stärkere Stellung gegenüber “reinen” Unternehmen während einer wirtschaftlichen Krise.
Nun aber zum historischen Übergang der auf Konkurrenz basierenden Wirtschaft zu einer von Monopolen beherrschten Wirtschaftsform. Historisch lässt sich dieser Prozess ans Ende des 19. Jahrhunderts einordnen. Es bildeten sich Kartelle aus zuvor konkurrierenden Betrieben. Diese Kartelle untergruben die „Freie Konkurrenz” durch Absprachen hinsichtlich der Verkaufsbedingungen, der Preise, der Absatzmärkte usw. Schnell wurden die Kartelle zu einer der Grundlagen des Wirtschaftslebens. Durch die Annäherung vormals konkurrierender Betriebe wurde die Vergesellschaftung der Produktion massiv beschleunigt und auch der technische Fortschritt wurde erstmals weitgehend vergesellschaftet. Die Konzentration der Produktion und folglich die Monopolisierung war somit schon zu Lenins Zeiten so weit fortgeschritten, dass die weltweiten Rohstoffquellen und Absatzmärkte zumindest annähernd berechenbar waren und vertraglich aufgeteilt wurden.
Wenngleich es heute „Gesetze gegen Monopole“ im bürgerlichen Sinne gibt, werden wir später noch sehen, dass die Aufteilung der Wirtschaftsräume durch das Monopolkapital dennoch möglich und Realität ist. Die Herausbildung von Monopolen und deren Fortbestehen ist nach marxistisch-leninistischen Verständnis gegeben und mehr oder weniger offensichtlich. Zum zweiten Merkmal.
Das Verschmelzen des Bankkapitals mit dem Industriekapital
Banken waren ihrem ursprünglichen Wesen nach Zahlungsdienstleister. Mit der Entwicklung des Kapitalismus und der Herausbildung einer Monopolwirtschaft veränderten sie aber ihre Rolle. Wie schon die Produktion, konzentrierte sich auch das Bankwesen. Das von den Banken gesammelte Geld wurde in Kapital umgewandelt, sprich es wurde profitbringend genutzt. Eine Handvoll Banken verfügt nun über fast das gesamte Geldkapital der Betriebe und über den Großteil der Rohstoffe und Produktionsmittel. Wie also ging die Konzentration des Bankwesens vonstatten?
Die Entwicklung der Banken verlief gewissermaßen analog zu jener der Industrie. Aus vielen kleinen Geldinstituten bildeten sich größere Zusammenschlüsse. Die immer größer werdenden Banken fingen an, ihre Konkurrenz entweder vom Markt zu verdrängen oder sie zu übernehmen. Während wir bei der Produktion vor allem Personal und Energie in den Blick genommen haben, gibt es bei den Banken einen anderen naheliegenden Faktor: Die Konzentration des Geldes selbst. Hier soll wiederum ein historisches deutsches und ein modernes österreichisches Beispiel zur Verdeutlichung dienen. Von 1907/08 bis 1912/13 steigerten sich die Einlagen deutscher Banken mit einem Kapital von mehr als einer Milliarde Mark um 40 Prozent. Im selben Zeitraum verlagerte sich auch der prozentuale Anteil an den gesamten Einlagen deutlich in Richtung der Großbanken.
Um einen Blick auf die heutige Konzentration des Bankenkapitals zu werfen: In den Top 10 der österreichischen Kreditinstitute belegt die „Raiffeisenbank Bank International“ – der Bilanzsumme nach betrachtet – den zweiten Platz. Der Gag daran ist folgender: Die Plätze fünf, sechs und neun belegt ebenfalls die Raiffeisenbank, mit ihren Tochtergesellschaften in OÖ, NÖ-Wien, und der Steiermark. Es lässt sich also erahnen, wie gewaltig die Übermacht der Großbanken ist.[7]
Die Konzentration von Geldinstituten und Kapital analog zu jener der Produktionsbetriebe und Produktion ist wenig überraschend. Warum also geben wir ihr so viel Aufmerksamkeit? Das liegt daran, dass sich ab einer gewissen Größenordnung das Verhältnis zwischen Bank und Industriekapital ändert. Waren die Banken vormals nur in einer unterstützenden, vermittelnden Rolle Teil des Wirtschaftssystems, so stellen sie sich ab einer gewissen Größe an die Spitze dieses Systems. Die Banken erhalten über ihre Dienste genauste Einblicke in die Lage der einzelnen Großbetriebe und können dieses Wissen nutzen. Sie bestimmen, wer einen Kredit bekommt und auch zu welchen Konditionen. Gleichzeitig entwickelt sich eine enge Verknüpfung zwischen Banken und Konzernen. Das geschieht durch gegenseitigen Aktienbesitz und wechselseitige Vergabe von Positionen in den Aufsichtsräten oder Vorständen. Diese Personalunionen weiten sich auch auf die Politik aus. Wie oft hört man davon, dass ehemalige PolitikerInnen ihre neue Berufung an der Spitze eines milliardenschweren Unternehmens finden? Und auch andersherum scheint das recht leicht zu gehen, wie uns der deutsche Kanzler und ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Deutschland Friedrich Merz zeigt.
Am brutalsten offengelegt wurde die innige Verbindung von Politik und Kapital zuletzt in den Vereinigten Staaten, als Elon Musk und weitere Tech-Mogule bei Trumps Angelobung in der ersten Reihe sowie auf der Bühne standen und Musk in weiterer Folge sogar im Kabinett vertreten war. Der spätere Bruch zwischen Musk und Trump kann nicht glaubhaft darüber hinwegtäuschen, wie sehr die moderne Politik den Interessen der Konzerne, und damit – wie zuvor dargelegt – jenen der Banken dient.
Aber genug von der Politik. Wir halten fest, dass das bestehende Kapital sich immer weniger in den Händen der Industrie und immer mehr in jenen der Banken befindet. Dennoch sind auch die Banken gezwungen, um im kapitalistischen Wettbewerb mitzuhalten, mehr und mehr Kapital in die Industrie zu investieren. Dieser Umstand, gekoppelt mit einer Herausbildung und dem Entstehen einer Vorherrschaft der Monopole führt zur Entstehung des Finanzkapitals. Als Finanzkapital bezeichnen wir das miteinander verflochtene Kapital von Industriekonzernen und Banken.
Um die Macht dieses Finanzkapitals und der Finanzoligarchie, besser zu verstehen, müssen wir noch auf einen zentralen Aspekt eingehen. Gemeint ist das Beteiligungssystem. Wird von großen Unternehmen oder Banken gesprochen, hört man immer wieder den Begriff „Tochtergesellschaft”. Auch wir haben vorhin beim Beispiel Raiffeisenbank diesen Begriff verwendet. Dieses System hat, so Lenin, der deutsche Ökonom Heymann als erster bereits recht treffend beschrieben:
„Der Leiter kontrolliert die Muttergesellschaft, diese die Tochtergesellschaften, diese wieder die Enkel usw., so daß man mit nicht allzu großem Kapital riesengebiete der Produktion beherrschen kann; denn, wenn immer die Herrschaft über 50 Prozent des Kapitals genügt, so braucht der Leiter nur 1 Mill. Zu besitzen, um schon 8 Mill. Kapital bei den Enkelgesellschaften kontrollieren zu können.“
Neben dieser exponentiellen Vermehrung der Kapitalkraft hat das Beteiligungssystem weitere Vorteile. Nicht zuletzt ermöglicht es allerlei wirtschaftliche „Tricks” und Schweinereien, auf die wir jetzt aber nicht weiter eingehen wollen. Für uns ist besonders wichtig, dass diese Beteiligungssysteme sich über die Landesgrenzen hinaus erstrecken. Das Finanzkapital konzentrierte sich bereits Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur innerhalb der jeweiligen Länder, sondern bereits weltweit in den Händen weniger Nationen und ihrer Banken und Konzerne. So waren 1910 fast 80 Prozent des weltweiten Finanzkapitals im Besitz von 4 Ländern: England, Frankreich, Deutschland und die USA. Diese Verhältnisse unterliegen selbstverständlich gewissen Schwankungen und haben sich bis heute mehrfach verschoben, dennoch sind uns alle diese Länder auch heute als moderne Wirtschaftsmächte bekannt. Die Grundlage für diese Entwicklung ist im dritten Merkmal des Imperialismus zu finden.
Der Bedeutungszuwachs des Kapitalexports
Der Kapitalismus der freien Marktwirtschaft war vor allem vom (internationalen) Austausch von Waren geprägt. Das lag insbesondere daran, dass der Kapitalismus sich nicht überall gleich schnell ausbreiten konnte. Nachdem er sich aber, um das Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Weltsystem entwickelt hatte, stagnierte dieser internationale Warenaustausch. Die Länder mit starken Monopolen hatten einen Überschuss an Waren und Kapital, während die weniger entwickelten Länder nicht über genügend Kapital verfügten, um ihnen diese Waren abzukaufen.
So ergab sich die Notwendigkeit des Kapitalexports. Das von England, Frankreich und Deutschland ins Ausland investierte Kapital verdoppelte bzw. verdreifachte sich um die Jahrhundertwende. Dieser Kapitalexport schaffte und schafft weltweite Abhängigkeiten, die wir auch heute noch beobachten können. Neben den klassischen „Großmächten“ dienen hier auch Österreichs Einflussnahme am Balkan sowie Chinas Einflussnahme am Afrikanischen Kontinent als Beispiele. Eine gängige Praxis war es beispielsweise (und ist es bis heute), Kapitalanleihen vertraglich zweckzubinden, sprich das verliehene Geld musste teilweise wieder beim Gläubiger selbst ausgegeben werden. Das exportierende Finanzkapital profitiert dabei gleich mehrfach, einerseits von den Zinsen auf die Anleihe selbst, andererseits kann die eigene Überproduktion bei den Schuldnern abgesetzt werden. Kommt dann noch hinzu, dass man an der Mehrwertproduktion im Ausland beteiligt wird, indem man ansässige Betriebe in das eigene Monopol eingliedert, ist der Profit-Hattrick geschaffen. So entsteht der vierte Punkt, der den Imperialismus auszeichnet.
Die Herausbildung internationaler monopolistischer Kapitalistenverbände
Die Kartelle und Monopole teilten während ihrer Entstehung vor allem die Binnenmärkte eines bestimmten Landes unter sich auf. Der Binnenmarkt aber, schreibt Lenin, hängt unter dem Kapitalismus untrennbar mit dem Außenmarkt zusammen. Es ist heute nicht von der Hand zu weisen, dass es in der kapitalistischen Gesellschaft einen „Weltmarkt” gibt. Lenin schreibt weiter:
„Und in dem Maße, wie der Kapitalexport wuchs und die ausländischen und kolonialen Verbindungen und ‚Einflusssphären‘ der riesigen Monopolverbände sich in jeder Weise erweiterten, kam es ‚natürlicherweise‘ unter ihnen zu Abmachungen im Weltmaßstab, zur Bildung von internationalen Kartellen.“
Als Beispiel führt er in Folge die Prozesse in der Elektroindustrie um das Jahr 1900 an. Gab es vor 1900 in Deutschland noch sieben oder acht Gruppen, die sich aus 28 Gesellschaften zusammensetzten, wurde daraus ab 1912 die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG). Die AEG erschloss rasch den gesamten europäischen Mark und war über das Beteiligungssystem in mehr als 10 Staaten vertreten. Parallel dazu konzentrierte sich die amerikanische Elektroindustrie in der General Electric Co. Sämtliche nennenswerte Betriebe der Elektroindustrie waren zu diesem Zeitpunkt auf eine gewisse Art von einem dieser Monopole abhängig. Als die General Electric Co. über Tochterfirmen in Europa Fuß fasste, wurden rasch Verträge und (geheime) Absprachen zwischen den beiden Monopolen und ihren Tochtergesellschaften abgeschlossen. Faktisch wurde der Weltmarkt und die Erschließung neuer Märkte zwischen ihnen aufgeteilt.
Diese Absprachen gingen Hand in Hand mit dem Austausch neuer Erfahrungen und Entwicklungen. Alles in allem ist es somit naheliegend, dass es andere Betriebe äußerst schwer gehabt hätten, diese Übermacht aufzubrechen – die Konkurrenz war also ausgeschaltet. Es soll festgehalten werden, dass dieser Prozess sich auch in allen anderen Zweigen der Industrie bis zu einem gewissen Grad vollzog, allerdings selten so wenig umkämpft wie in diesem Fall.
Die Aufteilung der Welt war eine Notwendigkeit, basierend auf der weit fortgeschrittenen Stufe der Konzentration, es war der nächste logische Weg, um noch nicht erschlossene Profite erzielen zu können. Die Aufteilung erfolgt dabei logischerweise nach der „Macht” bzw. nach der Stärke der Finanzkapitale. Aber diese Machtverhältnisse haben und werden sich immer wieder verschieben. Um das Wesen des Imperialismus zu verstehen ist für uns wichtig, was durch diese Machtverlagerungen passiert, und nicht primär, ob sie sich über den wirtschaftlichen oder militärischen Weg verschiebt. Wenn sich die Analyse zu sehr auf die Art des Machtkampfes fokussiert, wird sie unweigerlich zum bürgerlichen Werkzeug, um vom eigentlichen Charakter der imperialistischen Gesetzmäßigkeiten abzulenken.
Im bürgerlichen Denken gibt es außerdem die Annahme oder Hoffnung, dass die wirtschaftliche Aufteilung der Welt in Form internationaler Kartelle – sobald sie abgeschlossen ist – eine Epoche des Friedens zwischen den kapitalistischen Ländern hervorbringen würde. Lenin bezeichnet dieses Denken als “theoretisch völlig unsinnig und praktisch ein Sophismus, eine unehrliche Methode, den schlimmsten Opportunismus zu verteidigen.” Zu diese Ansicht kommt er, weil die Kämpfe zwischen den kapitalistischen Staaten ihrem Wesen nach auch bei neuen Anläufen, die Welt aufzuteilen, dieselben geblieben sind.
Wir wissen nun also, dass sich im Imperialismus Beziehungen zwischen den einzelnen Kapitalisten herausbilden, die auf der ökonomischen Aufteilung der Welt beruhen. Parallel dazu und in Bezug darauf entstehen auch Beziehungen zwischen den Staaten, die auf der territorialen Aufteilung der Welt beruhen. Somit kommen wir zum fünften und letzten Merkmal, mit dem Lenin den Imperialismus – also den Kapitalismus im Endstadium – charakterisiert.
Die vollständige territoriale Aufteilung der Erde unter die kapitalistischen Großmächte
Am Ende des 19. Jahrhunderts boomte der Kolonialismus. Die Eroberung neuer Märkte und Bodenschätze konnte natürlich nicht rein auf wirtschaftlicher Ebene passieren. Die Erde musste – um den Machterhalt zu gewährleisten – unbedingt auch auf politischer Ebene aufgeteilt werden. Mit der Aufteilung des Weltmarkts unter den Kapitalisten kam es auch zu einer Verstrickung von staatlichen und privaten Monopolen. Die Politik griff – und greift auch heute – ganz offen dort ein, wo die Macht des Finanzkapitals im weltweiten Vergleich nicht groß genug war.
Die wenigen damals noch „unbesetzten” Teile der Welt, namentlich vor allem Afrika und Polynesien wurden unter den Kolonialmächten aufgeteilt. Ohne auf konkrete Zahlen einzugehen, lässt sich Folgendes festhalten: Faktisch wurde damit die Aufteilung der Welt abgeschlossen. Hand in Hand mit der Aufteilung des Weltmarktes ist aber auch hier eine Neuaufteilung immer möglich, sofern es die Interessen des Finanzkapitals fordern.
Zwar charakterisiert es den Imperialismus, dass die Monopole den Weltmarkt vollständig unter sich aufteilen, diese Aufteilung ist aber keineswegs endgültig. Es kommt regelmäßig zu Versuchen einer Neuaufteilung, die je nach politischen Machtverhältnissen auch erfolgreich sein können. Als Beispiel kann man die Rolle Chinas hervorheben, das seinen Anteil am Weltmarkt in den letzten 20 Jahren in vielerlei Hinsicht vervielfacht hat.
Fazit und Schlussfolgerungen
Wenn wir das bisher gesagte möglichst knapp zusammenfassen wollen, finden wir bei Lenin eine kurze, aber nützliche Definition des Imperialismus:
„Der Imperialismus ist der Kapitalismus auf jener Entwicklungsstufe, wo die Herrschaft der Monopole und des Finanzkapitals sich herausgebildet, der Kapitalexport hervorragende Bedeutung gewonnen, die Aufteilung der Welt durch die internationalen Trusts begonnen hat, und die Aufteilung des gesamten Territoriums der Erde durch die größten kapitalistischen Länder abgeschlossen ist.“
Nachdem also die grundlegendsten Merkmale des Imperialismus herausgearbeitet wurden, wollen wir uns mit Erkenntnissen und Schlussfolgerungen befassen. Es kann festgehalten werden, dass der Imperialismus ein besonderes, hohes Entwicklungsstadium des Kapitalismus darstellt. Der Imperialismus entstand in einer Zeit, in der sich die zentralen Grundlagen des kapitalistischen Systems so weit entwickelt hatten, dass sie begannen in ihr Gegenteil umzuschlagen. Aus dem Kapitalismus der völlig freien Marktwirtschaft wurde der monopolistische Kapitalismus. In diesem existiert das Monopol neben und über der freien Konkurrenz und verschärft die inhärenten Widersprüche des Wirtschaftssystems immer weiter. Dass der monopolistische Kapitalismus die freie Konkurrenz nicht völlig verdrängt – und gar nicht völlig verdrängen kann – ist ein zentraler Punkt unserer Beobachtung.
Dadurch ist auch die Theorie des „Ultraimperialismus” widerlegt, die unter anderem von Karl Kautsky propagiert wurde. In einem in die Zukunft projizierten „Ultraimperialismus” wäre die Konzentration der imperialistischen Kräfte so weit fortgeschritten, dass sie sich völlig vereinigen würden. Somit wäre die ökonomische Grundlage für Konflikte im Weltmaßstab aus dem Weg räumen. Nach dieser Theorie würde der voll entwickelte Imperialismus uns den Weltfrieden bringen. Die Theorie ist natürlich sehr weit hergeholt und heute, über hundert Jahre später, auch historisch widerlegt. Aber Warum ermöglicht der Imperialismus keine friedliche Entwicklung? Und was haben denn jetzt die Großkonzerne mit dem Krieg zu tun?
Wie beschrieben, ersetzen die Monopole nicht die freie Marktwirtschaft, sondern setzten sich über sie hinweg. Es entstanden so neue Widersprüche, zwischen Monopol und nicht monopolisierte Wirtschaft, aber auch zwischen den verschiedenen Monopolen selbst. Die Monopole der einzelnen Staaten sind außerdem untrennbar mit dem Finanzkapital verbunden und dieses Finanzkapital ist über Auswüchse der „Personalunion” untrennbar mit der herrschenden Politik verbunden. Die Konflikte zwischen den Staaten Deutschland und England finden somit analog zu den Konflikten zwischen den deutschen und den englischen Monopolen statt.
Die territoriale Aufteilung der Erde unter den Staaten passierte direkt im Interesse und mittels der Macht des Finanzkapitals. Die Macht des Finanzkapitals einzelner Länder ist aber zum einen nicht gleichmäßig verteilt, und zum anderen auch zeitlich keine Konstante. Diese Machtverhältnisse können sich also ändern, was die Grundlage für eine stetige Neuaufteilung der Welt ist. Schon die ursprüngliche Aufteilung war nicht von Frieden geprägt. Die Kolonialgeschichte (etwa Afrikas und Asiens) ist bekanntermaßen voll von Ausbeutung, blutigen Intrigen, militärischer Annexion und Unterdrückung. Als diese Kolonien neu aufgeteilt werden sollten, passierte dies in der Regel durch Kriege.
Sei es aufgrund von Verlusten einer Kolonie, einer Wirtschaftskrise, oder schlicht einer ökonomischen Rückständigkeit: Das Finanzkapital der absteigenden Macht gibt seine Einflusssphären nicht kampflos ab und wird das auch nie tun. Dadurch kommt es in unserem Wirtschaftssystem zu imperialistischen Kriegen. Zu Kriegen zwischen zwei oder mehreren imperialistischen Nationen um wirtschaftliche Interessen, um Land, um Bodenschätze, um Bevölkerung, die ausgebeutet werden kann, oder gar zu Kriegen, mit denen eine schwache Stahlindustrie sanieret werden soll.
Es gab und gibt – wie wir wissen – Perioden des Friedens zwischen den mächtigsten Staaten. Diese wurden durch die Schaffung von Bündnissen und Absprachen über die Aufteilung der „weniger entwickelten Länder“ ermöglicht. Lenin schreibt dazu:
„Es fragt sich nun, ist die Annahme ‚denkbar‘, dass beim Fortbestehen des Kapitalismus solche Bündnisse nicht kurzlebig wären, dass sie Reibungen, Konflikte und Kampf in jedweden und allen möglichen Formen ausschließen würden?
Es genügt, diese Frage klarzustellen um sie nicht anders als mit Nein zu beantworten. Denn unter dem Kapitalismus ist für die Aufteilung der Interessen- und Einflusssphären, der Kolonien usw. eine andere Grundlage als die Stärke der daran Beteiligten, ihre allgemeinwirtschaftliche, finanzielle, militärische und sonstige Stärke, nicht denkbar. Die Stärke der Beteiligten aber ändert sich ungleichmäßig, denn eine gleichmäßige Entwicklung der einzelnen Unternehmen, Trusts, Industriezweige und Länder kann es unter dem Kapitalismus nicht geben.“
Es muss uns also klar sein, dass zwischenimperialistische Bündnisse, seien sie Verbindungen mehrerer Staaten (z.B. EU, NATO, BRICS-Staaten) oder ein Abkommen aller imperialistischen Mächte, nur vorübergehende Erscheinungen sein können. Insbesondere der Fall eines imperialistischen Staatenbundes nährt während seines Bestehens den Boden für kriegerische Auseinandersetzungen, zumindest in Form von Stellvertreterkriegen.
Die zentralen Widersprüche des Imperialismus zeigen sich aber natürlich auch in den Beziehungen zwischen den kapitalistischen Staaten selbst. Während zur Zeit des klassischen Kolonialismus die Abhängigkeitsverhältnisse vor allem durch offene militärische Unterdrückung und direkte Kolonialherrschaft organisiert waren, hat sich diese Form der Dominanz gewandelt. Heute ist die Welt in ein viel komplexeres Netz gegenseitiger Abhängigkeiten eingebunden, in dem alle Staaten ihren Platz einnehmen müssen.
An der Spitze dieses Systems von Abhängigkeiten stehen wenige besonders mächtige Staaten, die eine dominante ökonomische, politische und militärische Stellung einnehmen. In der Hierarchie darunter befinden sich Länder, die zwar über eigene regionale Machtmittel verfügen, aber in vielerlei Hinsicht von den führenden Mächten abhängig sind. Am unteren Ende schließlich finden sich Staaten, deren Handlungsspielräume durch wirtschaftliche Zwänge, politische Einflussnahme und oft auch militärischen Druck stark eingeschränkt sind.
Schwächere Länder sind in hohem Maße auf Investitionen, Kredite, Märkte und militärische „Sicherheitsgarantien“ der stärkeren angewiesen. Aber auch die führenden imperialistischen Mächte bleiben von den Rohstoffen, Arbeitskräften und Absatzmärkten der Peripherie und Halbperipherie abhängig. Selbst die Staaten an der Spitze agieren also nicht in völliger Unabhängigkeit, sondern sind in einem ständigen Konkurrenz- und Kooperationsverhältnis zueinander gefangen. Kriege, Interventionen und wirtschaftliche Krisen sind dementsprechend nicht Auswüchse einzelner „Ausnahmestaaten“ oder bloß moralische Verfehlungen, sondern notwendige Resultate der ungleichen Entwicklung und des monopolistischen Charakters des Weltkapitalismus.
[1] Die Direktzitate von Lenin und die im Folgenden nicht separat ausgewiesenen statistischen Quellen sind allesamt aus „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ übernommen, das Werk ist hier einsehbar: [ https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1917/imp/index.htm].
[2] Hier und im Folgenden werden die Prozentzahlen auf ganze Zahlen oder – wenn sinnvoll – auf naheliegende Anteile gerundet.
[3] Österreichische Statistik, [https://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=ors&datum=0075&size=38&page=4].
[4] Statistik Austria, [ https://statcube.at/statistik.at/ext/statcube/jsf/tableView/tableView.xhtml].
[5] Wirtschaftskammer Österreich, [https://www.wko.at/statistik/kmu/gk-beschstat-detailgk.pdf].
[6] Wirtschaftskammer Österreich, [https://www.wko.at/statistik/kmu/gk-beschstat-sparten.pdf].
[7] Advantage Austria, [https://www.advantageaustria.org/bz/zentral/branchen/banken-und-versicherungen/zahlen-und-fakten/zahlen-und-fakten.de.html].